Bea Meyer
LANDSCHAFT UND LISTEN
11.6. – 9.7.2016


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Landschaft und Listen - Bea Meyer

Ausstellungsansicht Galerie b2, Leipzig
LANDSCHAFT UND LISTEN, 2016




Landschaft und Listen - Bea Meyer

L 8, L 9, L 6, L 2, L 1, L 10, L 5
2016, je 30,2 x 31,5 cm
verschiedene Garne grau, schwarz gestickt auf Manilahanfpapier




Landschaft und Listen - Bea Meyer

RB 16 #1–4
2016, je 94 x 69 cm, verschiedene Garne grau, gestickt auf Stoff




Landschaft und Listen - Bea Meyer

aus VOR
2016, Wandbild, Druckbögen-Streifen
VOR lesen
2016, Audio, 265 min S. 1–17, Lesende: Heike Geißler, Angelika Waniek, Michael Grzesiak, Lea Kontak, Katharina Immekus, Mathias Zeiske, Martina Hefter, Anna Jessen




Landschaft und Listen - Bea Meyer

Ausstellungsansicht Galerie b2, Leipzig
LANDSCHAFT UND LISTEN, 2016





Seit langem führt Bea Meyer Listen. Sie notiert Beiläufiges bis Elementares auf losen Blättern, Zetteln verschiedener Größe, in Heften; durcheinander, abgeheftet, lose, gestapelt, geordnet. Meyer hält Geschehnisse und Informationen fest, sammelt Daten. Sie zeichnet auf, zählt, dokumentiert, protokolliert.

„Landschaft und Listen“ zeigt Meyers Auseinandersetzung mit Form, Abbild und Bedeutung von Daten unserer Lebensrealität. Sie abstrahiert selbst erhobene Daten zu künstlerischen Formaten. Bewegungen, Kalenderinhalte und biometrische Daten verwebt sie miteinander in einer Reihe von Werken unterschiedlicher Medien zu einer Ausstellung. Stellvertretend an ihrer Person zeichnet Meyer Daten auf und überträgt sie in einen künstlerischen Kontext. Sie legt Bereiche ihres Lebens offen und reflektiert über Subjektivität, Neutralität und Abstraktion von Information und deren künstlerischen Wert. Wer und was bin ich als Individuum und als Teil einer abstrakten, Daten produzierenden Menge, die rund um die Uhr und den Globus ihre digitalen Spuren hinterlässt.

Quadratische, biometrische Bilder „L“ zeigen Konstellationen von Merkmalen, wie aneinander gereihte Satellitenbilder von Landschaften. Meyer vergrößert sie und überträgt sie, analogen Karten gleich, als gestickte Motive auf Papier. Mit der fortlaufenden Serie »RB« erstellt Meyer Muster ihrer Bewegung. Einem Seismografen gleich zeichnet sie die Vibrationen von Fortbewegung auf und entschleunigt sie in der Übertragung auf Stoff.

Ein Fokus der Ausstellung liegt auf Meyers neuer Arbeit „VOR“, einer in Buchform veröffentlichten persönlichen Datensammlung. Die Medienkünstlerin hat die letzen 15 Jahre ihrer Kalenderaufzeichnungen fortlaufend 1:1 ab getippt und zu einem Textteppich verdichtet. In „VOR“ reihen sich Zeichen und Zahlen aus dem Privatleben, der Arbeit und der Welt aneinander und fügen sich zu einer abstrahierten Partitur. Aus dieser entstehen die neuen Arbeiten: „VOR lesen“, „Rauschen“ und die Performance „VOR und sprechen“ in Zusammenarbeit mit der Künstlerin Angelika Waniek. Meyer entwickelt Interpretationen und Modulationen aus der Verfügungsmasse ihrer Daten und erschafft einen, von einer eigenen Zeit und Gestalt bestimmten Raum.


Michael Grzesiak





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For a long time, Bea Meyer has been keeping lists and records. She takes down random and casual as well as elemental things on scattered sheets and slips of paper of various sizes, in journals, jumbled, filed, loosely scattered, stacked, organized. Meyer records events, information – she collects data. She chronicles, lists and enumerates, documents, makes protocols.

“Landschaft und Listen” showcases Meyer debating form, representation and meaning of data in relation to the reality of life. She distills self-collected data into artistic formats; weaving together her movements, calendar records and biometrical data into an exhibition. Exemplifying herself, Meyer records data and transfers it to the context of art. She discloses personal information and thus reflects on subjectivity, neutrality and abstraction of data and its artistic value. Who and what am I as an individual and as part of an abstract, data-generating crowd, leaving digital footprints, globally and ceaselessly.

The square images of the series “L” depict constellations of biometrical pro­perties, bearing a likeness to juxtaposed satellite images of landscapes. Meyer enlarges and transfers them, resembling analogue maps, by stitching them onto paper. In the ongoing series “RB” Meyer creates patterns of move­ment. Much like a seismograph, she records the vibration of movement, in a decelerating process of transfer onto fabric.

One focal point of the exhibition is Meyer’s recent work “VOR”, a personal collection of data, published in book-form. The media artist has typed out her calendar entries of the last 15 years chronologically, one-by-one, thus com­pressing them into a textual tapestry. In “VOR”, characters and numbers rela­ting to private life, work and the world outside are arrayed and juxtaposed to form a generalized score. “VOR” also constitutes the point of departure for further work: “VOR lesen”, “Rauschen”, and the performance “VOR und sprechen” in collaboration with the artist Angelika Waniek. Meyer develops interpretations and modulations of her pool of recorded data, and thus creates a space characterized by a specific time and specific features.


Translation: Lukas Holldorf








Bea Meyer
EINE FRAGE DER ZEIT
12.7. – 09.8.2014


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Eine Frage der Zeit - Bea Meyer
Eine Frage der Zeit, 2014, Wandbild, Acrylfarbe, Letraset, 200 x 450 cm







Bea Meyer
MEYER HILGENFELD TARR
28.4. - 30.6.2012


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Bea Meyer
3b, 2012, Leinengarn auf Papier


Bea Meyer
3a, 2012, Hanfwerg auf Papier


Bea Meyer
2b, 2012, Baumwollgarn auf Papier


Bea Meyer
2a, 2012, Baumwollgarn auf Papier


Bea Meyer
1, 2012, Acetangarn auf Papier


Über Kippbilder 1,2,3

Zart schraffierte Flächen und versprengte Lineaturen auf großzügigem weißen Grund – die erste Anmutung der neuen Werkreihe von Bea Meyer ist die des Ephemeren, eine fast Zen-artige Zurückgenommenheit. An Vogeltritte in einem Schneefeld könnte man etwa angesichts schwarzer Strichelbündel denken, die sich mal verdichtend, dann wieder zerstreuend zu einer unentzifferbaren Figur fügen. Auch wenn der Gestus einer Zeichnung in dieses Bild eingegangen ist – und im Fall der‚ Schraffuren’ die Optik computergenerierter Bilder –, transformieren Material und Arbeitsweise beides in etwas grundsätzlich anderes. Wie in anderen Werkreihen arbeitet Bea Meyer auch hier mit Nadel und Faden. Anstelle der Erzeugung von Spuren auf einer Oberfläche wird jene also perforiert, das heißt, das Trägermaterial wird verändert und seine Tiefenstruktur ins Spiel gebracht. Das Papier, das Meyer hier als Trägermaterial dient, ist aus Manilahanf gegossen und verfügt daher über eine besondere Reißfestigkeit, die der potentiellen Zerstörung durch seine zweckentfremdete Bearbeitung entgegenwirkt. Die basale Kulturtechnik des Nähens steht für die Herstellung dauerhafter Verbindungen, für das Zusammenfügen von Einzelteilen zu einem stabilen und dennoch flexiblen Ganzen. Das verwandte Sticken dient demgegenüber zwar hauptsächlich der dekorativen Verschönerung, gilt aber ebenso wie das Nähen weniger als eine schöpferische Tätigkeit denn als ein Handwerk, dessen Ausübung viel mit Repetition zu tun hat und in besonderem Maße Konzentration, Präzision und Ausdauer verlangt. Bea Meyer verwendet beide Techniken gewissermaßen gegen den Strich – so durch ihre Anwendung auf die Beiläufigkeit und die Spontaneität von Kritzeleien, denen sie zu einer Solidität verhilft, die dem ersten Augenschein widerstreitet. Zugleich ‚entbirgt’ sie das Nähzeug aus seiner Zuhandenheit – um es mit Heidegger zu versuchen –, das heißt befreit es aus seiner Dienstbarkeit und öffnet den Blick für seine eigenständige ästhetische Dimension: die raue Haptik des Wergs, die Glätte und der Glanz feinen Garns, das Volumen von Naht und Stichen, die Faserigkeit von Papieren. Betrachtet man Technik und Wirkung zusammen erhalten die Arbeiten der Werkreihe etwas von Kippbildern: allerdings nicht im Sinne des Changierens zwischen Figur und Grund, sondern zwischen Zeichnung und textiler Skulptur. Welche der Ebenen in den Vordergrund tritt, ist eine Frage von Nähe und Distanz, des Wechsels zwischen verschiedenen Standpunkten. Die Herausforderung an die Betrachter besteht darin, beide Ebenen gleichzeitig in den Blick zu bekommen und in der Schwebe zu halten – als zwei Ebenen, die ineinander greifen wie die zwei roten Ringe, die aus der (Werk)Reihe zu tanzen scheinen und sie dennoch wie ein Anker zusammenhalten.

Susanne Holschbach, April 2012



About double images 1,2,3

Softly shaded surfaces and scattered lineature on an expansive white background: the first impression of Bea Meyer’s new series is of the ephemeral, a Zen like subduedness. The bundles of black marks are reminiscent of bird footprints in snow, alternately crowding together and then spreading out to form an undecipherable figure. Despite the drawing gesture that has been absorbed by the picture and the surface finish of the shading that cites computer generated images, the material and the operations transform both gesture and optics fundamentally. As in her other series, Meyer works here with needle and thread. Instead of generating marks on a surface, the surface is perforated, the support itself is altered and its depth structure brought to the fore. The paper support is made of Manila hemp, which is especially resistant to tearing, counteracting potential damage through unintended use. A basic cultural technology, sewing entails the creation of durable connections, the putting together of individual parts to make a stable and yet flexible whole. Although the associated form of embroidery serves mainly decorative embellishment it shares with sewing the status of handwork rather than creative work. The practice involves a good deal of repetition and demands high levels of concentration, precision and stamina. Meyer deploys both techniques somewhat against the grain, applying them to the casualness and spontaneity of scribblings, to which she imparts a solidity that reverses the initial impression. At the same time, she “reveals” the sewing equipment, raising it from its “readiness-to-hand”, as Heidegger might say. In other words, she frees it from its serviceability, opening to sight its autonomous aesthetic dimension: the coarse texture of the tow, the smoothness and shininess of the fine garn, the bodyness of seams and stitches, the stringy fibre of the paper. When technique and effect are regarded together, the works in the series acquire the character of double images, not alternating between figure and field but rather between drawing and textile sculpture. Depending on the changes in viewing distance, in standpoint, one of the two levels advances into view. The challenge to the observer is to see both levels at once and hold them suspended as a unity, like two interconnected red rings that appear to dance out of the series, while at the same time holding everything together and anchoring it.

Susanne Holschbach, April 2012






Bea Meyer
KREUZE UND HAKEN
27.11.2010 - 30.01.2011
Galerie für Zeitgenössische Kunst, Leipzig


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Bea Meyer







Bea Meyer
SCHIESSEN UND IN DIE MITTE TREFFEN
16.1. - 13.2.2009



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Bea Meyer
2010, Galerie b2_



Bea Meyer

#6

2010, 160 x 120 cm
rote Nähte auf transparentem Gewebe


Bea Meyer

#4

2010, 55 x 50 cm
verschiedene Bänder & Stoffe auf Baumwollgewebe


Bea Meyer

#11

2010, 200 x 65 cm
lila Samt & metallicgrünes Kunstleder auf Georgette


Bea Meyer

#17

2010, 85 x 65 cm
blauer Hutdraht auf Baumwollgewebe


Bea Meyer

#15

2010, 140 x 125 cm
rote Modellbaufarbe auf Papier & Gewebe


Bea Meyer

07

2010, 50 x 70 cm
schwarzes Stickgarn auf Baumwollgewebe





SCHIESSEN UND IN DIE MITTE TREFFEN

Aufforderung oder abgeschlossene Tat? Ist der Handlung expliziter Wille vorausgesetzt oder wird das Zentrum eher beiläufig getroffen? Die von Bea Meyer als Titel übernommenen Worte stellen den beschriebenen Tatbestand als selbstverständlich und dessen Ergebnis als scheinbar nebensächlich dar. Das Ziel wird nicht näher definiert als durch eine räumliche Angabe. Wo befindet sich denn die Mitte von etwas? Wer schiesst? Auf wen oder was wird geschossen? Mit was und warum wird überhaupt geschossen?

Bea Meyer zeigt eine Serie von Bildern, die sich mit dem Strich an sich als Form des Ausdrucks beschäftigen. Stapelweise hat Meyer Zeichnungen gesichtet, um letztendlich wenige einzelne als Vorlagen auszuwählen. Oft ist auf dem Papier der Vorlage nicht mehr zu sehen als Strichstärke, Farbigkeit, Duktus und deren Lage. Meyer beginnt die Strichführungen zu manipulieren und zu materialisieren. Sie vergrößert um ein vielfaches. Striche werden Material, Fläche und Gegenstand auf gespannten Textilien. Meyer dekonstruiert den Strich und schafft dadurch Bilder, die ihre Entstehungsgeschichte verweigern.

Die Künstlerin bezeichnet diese Arbeiten selbst als Übertragungen. In den für sie typischen zeit- und arbeitsintensiven Techniken schafft sie in Tagen Bildträger, deren Vorlagen nur in Sekunden entstanden sind. Mit subtiler Sicherheit im Umgang mit Materialitäten nutzt Bea Meyer spielerisch deren Charakter für ihre Bildinhalte: Garne, Kajal, Samt, Leder, Draht, Farbe, Marker. Am Grad zwischen Bildgegenstand, Abstraktion, Proportion und Materialität verdichtet sie Minimales zu großen Formaten.

In der aktuellen Ausstellung thematisiert sie den Schaffensprozess der Kunst selbst. Sie nutzt Vorlagen, die in einer bestimmten, frühen Entwicklungsphase des menschlichen Gehirns entstanden. Impuls, Wille, Intuition und Können setzen sich darin anders zusammen, als beim ausgebildeten Künstler, der sie selbst ist und der eben diese Vorlagen aus der so genannten Krakelphase ihrer beiden Kinder überträgt. Mit diesem Vorgehen schafft Bea Meyer eine Serie abstrakter Bilder, in denen zwei ganz unterschiedlich gesteuerte Schaffensprozesse auf verblüffende Weise zusammentreffen.

Zur Ausstellung erscheint eine Publikation von Bea Meyer (Bild), Martina Hefter (Text) und Anna-Lena von Helldorff (Gestaltung).





Aim, shoot and hit dead centre

Is this a call for action or the description of an action completed? Is an action’s explicit intent a precondition or is the ‘centre’ struck in passing? In Bea Meyer’s exhibition title, the facts described appear self-evident and their consequences nonessential. The aim is referred to elliptically as a position in space. Where, we are left to ask, is the (dead) centre of something? Who is shooting? And who or what is being aimed at? And what is being shot with, and why?

This series of pictures by Bea Meyer deals with the expressive qualities of the line. The works are based on a selection of designs culled by the artist from piles of drawings in which there was often little more on the paper than lines of varying thickness, the structural traces of colour and rough compositional outlines. Meyer then proceeded to manipulate and materialise the individual lines. By greatly magnifying the drawings, lines become material entities and physically spatial on the stretched fabric: Meyer deconstructs the line to create images that mystify their origin and how they evolved.

The artist refers to these works as ‘transpositions’: in typically time-consuming and intricate techniques, Meyer creates images based on designs that are rendered in only a few seconds. Responding with sensitive confidence to a range of different materialities she playfully exploits the characteristic textures and properties of thread, eyeliner, velvet, leather, wire, paint and marker pen as the subject matter of her images. Dealing with issues of proportion and material, Meyer hypostatizes the minimal in large images that hover between the representational and abstraction.

Based on designs indicative of the inchoate stages in the development of the human brain, these works deal with the intrinsic processes of making art. In contrast to works by trained artists, here, impulse, will, intuition and aptitude interact differently: Bea Meyer, a trained artist herself, transposes drawings by her two children from what is commonly referred to as the scribble phase. This approach enables the artist to create a series of abstract images in which two entirely separate processes of expression converge – to surprising effect.

A catalogue by Bea Meyer (images), Martina Hefter (text) and Anna-Lena von Helldorff (layout) will be published to accompany the exhibition.

Translated from the German by Oliver Kossack









Bea Meyer
CLAIM
1.10. - 15. 11. 2009
RAUMMODELLE Intervention #1, BAUHAUS Dessau


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Bea Meyer
»Utopia is a perfect social system in which everybody is satisfied and happy«


Bea Meyer

CLAIM

2009, 1500 x 8 cm,
Absperrband mit Text, handgewebt, schwarz beschriftet
barrier strip, handwoven, black labled








Bea Meyer
MAMA, AUS SPASS BIN ICH JETZT MAL EINE FRAU
22. 3 - 26. 4. 2008


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Bea Meyer
Bea Meyer

2008, kjubh Kunstverein Köln


Bea Meyer

o.T.

2008, Klebeband auf Papier, 163 x 100 cm


Bea Meyer

o.T.

2008, Klebeband auf Papier, 163 x 100 cm


Bea Meyer

o.T.

2008, Kugelschreiber und Gewebeband auf Papier, 120 x 94 cm


Bea Meyer

o.T.

2008, Samt auf Papier, 154 x 92 cm


Bea Meyer

o.T.

2008, Filzstift auf Papier, 132 x 98 cm


Bea Meyer

o.T.

2008, Filzstift auf Papier, 178 x 117 cm


Bea Meyer

o.T.

2008, Glitzergelstift auf Papier, 244 x 98 cm








"Das Private ist politisch" - das allgegenwärtige 68er-Jubiläum hat auch diese Parole wieder ins Gedächtnis gerufen: die Ansage der Frauen an ihre männlichen Genossen, deren revolutionärer Furor zu gerne vor der eigenen Haustür Halt gemacht und es in punkto Rollenverteilung lieber beim Alten belassen hätte. Sie bildete den Auftakt einer neuen feministischen Bewegung, die sich die Gleichstellung von Mann und Frau in allen gesellschaftlichen Bereichen - und damit waren auch die privaten Verhältnisse gemeint - auf ihre Fahnen schrieb. Schnee von gestern also? Oder nicht eher Zeit für ein Re-enactment1?

Wenn Bea Meyer in ihrer jüngsten Arbeit unter anderem daran erinnert, dass Frauen nach wie vor über ein Viertel weniger verdienen als Männer, ist das nicht als eine Bilanz vierzig Jahre nach diesem Auftakt zu verstehen. Der Anlass ist ein gänzlich gegenwärtiger: ein spontaner Ausspruch ihrer Tochter. Dieser ist, nimmt man ihn beim Wort, ganz auf der Höhe zeitgenössischer Gendertheorie. "Frau sein" und "Mann sein" - das ist ein Stück, das wir tagtäglich aufführen, ein Stück, in dem wir tagtäglich vorführen, was "Frau sein" und "Mann sein" bedeutet. Nur, dass es für uns Erwachsene kein "Spass" mehr ist, die binäre Rollenzuteilung längst erfolgt, das Drehbuch wenig Raum für Improvisation lässt und eine gänzliche Verweigerung nur möglich ist um den Preis, am Rand zu stehen. Bea Meyer macht die Probe aufs Exempel - sie rechnet durch, was es im Ernstfall heißt, in der Frauenliga zu spielen. Zum Beispiel eine höhere Lebenserwartung, aber zur Zeit eben auch eine etwa fünfmal geringere Wahrscheinlichkeit, im Ranking der hundert Top-Künstler aufzutauchen. Es geht Meyer jedoch nicht um die Übermittlung trockener Statistik, die man ebenso gut woanders nachlesen könnte. Daten werden neben Icons, Farbsymboliken und Zitaten ebenso in Spiel gebracht wie verschiedene Bereiche visueller Rhetorik - Werbeanzeigen, Filmplakate, Schultafeln - und eine Bandbreite von Darstellungstechniken - Zeichnen, Ausmalen, Stempeln, Markieren, Schreiben -, um diese künstlerisch produktiv zu machen. Entstanden sind dabei individuell gestaltete Displays, die scheinbar Bekanntem durch Kombination und Bearbeitung eine Drehung versetzen und unsere eingefahrenen Wertungen ins Wanken bringen. So etwa, wenn man einem berühmten Machospruch des Autorenfilmer-Gotts Godard - "alles, was man für einen Film braucht, ist ein Revolver und ein Mädchen" - als altbackener Geschirrtuchweisheit wiederbegegnet. "Ich bin froh, ein Mann zu sein" - wie eine Strafarbeit ließ Meyer diesen Satz von einigen Männern aus ihrem Umfeld auf eines ihrer Plakate schreiben (gnädigerweise nur jeweils einmal!). Ein Statement, für das sich nach wie vor gute Gründe finden. "Girls can wear jeans/And cut their hair short/Wear shirts and boots/cause its o.k. to be a boy/But for a boy to look like a girl is degrading/cause you think that being a girl is degrading [...]" 2 , auch die postfeministische Ikone Madonna ist sich der Hierarchien bewusst, die das Genderspiel immer noch beinhaltet. In der Liste der Umschreibungen, die der "Volksmund" für Frauen kennt, tauchen jede Menge herabsetzender Bezeichnungen auf - eine Auswahl davon hat Meyer in großen leeren Buchstaben aufgezeichnet. Für die noch nicht alphabetisierte Tochter von Meyer sind sie bisher nichts als Leerforme(l)n, die sich bunt ausmalen lassen. Die Arbeiten ihrer Mutter, denen Juni gewissermaßen ihren Stempel aufgedrückt hat - über jedes Bild der Reihe ist ihr Ausspruch gedruckt - beschreiben nicht einfach einen Zustand. Sie sind vielmehr performativ in dem Sinne, dass sie einen Beitrag dazu leisten, festgefahrene Bedeutungen in Bewegung zu setzen. Sie sind auf eine Zukunft gerichtet, in der einem der Spaß, Frau zu sein, nicht manchmal zu vergehen droht; in der Jungs, um es noch einmal mit Madonnas Song zu formulieren, ihr Begehren zu wissen "how it feels like for a girl" nicht mehr verstecken und die Mädchen nicht ihre innere Stärke, und in der die Häufung von Karrierefrauen mit mehreren Kindern, wie auf einem von Meyers Plakaten, keine Irritationen hervorruft und schnell als Fiktion entlarvt ist. Und in dem das "doing gender" ein freiwilliges Spiel mit möglicherweise auch mehr als zwei attraktiven Rollen sein wird.

Text Susanne Holschbach

1 Üblicherweise verbindet man mit Re-enactment das Nachstellen bzw. Wiederaufführen von historischer Ereignissen, im juridischen Kontext hat es die Bedeutung von "wieder-in-Kraft- setzen".

2 Madonna: "How it Feels for a Girl", aus dem Album "Music", Maverick/Warner Bros. 2000




"The private is political" - the ubiquitous anniversary of the 1968 student revolts has given this slogan a new lease of life: the call of the women challenging their male comrades who, in their revolutionary fervour, would have loved to stop at their own doorstep and leave things just the way they were as far as role allocation went. The slogan launched a new feminism that pleaded for gender mainstreaming in all areas of society - and this meant in private life as well. All water under the bridges now? Or rather time for a re-enactment?1

When Bea Meyer, in her latest work, reminds us that women still earn a quarter less than men, then it is not to be understood as a form of taking stock forty years later. Her motivation is much more current: a spontaneous utterance by her daughter. This, if one were to take it literally, can be read entirely in the context of contemporary gender theories. "Being a woman" and "being a man" - this is a play we daily perform, a play in which we daily enact what "being a woman" and "being a man" means. For us adults, however, it's no longer a matter of "fun", the binary allocation of roles has long taken place, the script leaves little room for improvisation and an outright denial is only possible at the price of marginalisation. Bea Meyer puts the rule to the test - she evaluates what it means, in all seriousness, to play in the women's league. Yes, a higher life expectancy, for instance, yet currently also five times less of a chance of being ranked among the top 100 artists. But Meyer does not merely want to present dry statistics that could just as much be checked elsewhere. Data is configured alongside icons, colour symbolism and quotations together with various forms of visual rhetoric - advertisements, film posters, blackboards - and a whole spectrum of artistic techniques - drawing, painting, stamping, marking, writing - to achieve works that are aesthetically productive. What emerges are displays individually designed which, through combination and adaptation, give an entirely new twist to what we thought we knew and make us doubt our entrenched set of values. It's as if we were confronted with the film-god Godard's famous macho motto - "all you need for a movie is a girl and a gun" - as a dowdy piece of household wisdom.

"Ich bin froh, ein Mann zu sein" (I am happy to be a man) - Meyer had several men from her circle of friends write this sentence like extra homework during school detention on one of her posters (leniently only once per person!). Words for which good reasons can still be found. "Girls can wear jeans / and cut their hair short / Wear shirts and boots / 'cause its o.k. to be a boy / But for a boy to look like a girl is degrading / 'cause you think that being a girl is degrading [...]"2: even Madonna, the post-feminist icon, is very aware of the hierarchies still present in gender play. Long is the list of derogatory expressions among colloquial euphemisms for women - and Meyer chose some, tracing them in large, hollow letters. For Meyer's still illiterate daughter they are nothing but empty contours to colour in brightly. Juni has, so to speak, left her mark on her mother's works - her quote is printed on every image of the series - but these do not merely describe a condition or state. They are rather more performative in the sense that they arouse fixed preconceptions. They look towards a future in which the joy of womanhood does not threaten to disappear sometime, in which guys, to use the lyrics of Madonna's song, don't hide their desire to know "how it feels like for a girl" and the girls don't hide their inner strength, and in which the group of career women with children, as in one of Meyer's posters, is neither seen as a provocation, nor quickly unmasked as a fiction; and, finally, in which the act of "gender-making" becomes a voluntary game in which there might also be more than two attractive roles.

Translation Ariane Kossack

1 Re-enactment is usually understood as a re-play or a re-performance of historic events yet, in a legal sense, it implies "bringing something back into force or effect". 2 Madonna: "How it Feels for a Girl", from the album Music, Maverick/Warner Bros. 2000.






Bea Meyer

ROT ⁄ WEISS ⁄ HOCKEN ⁄ HEIM


9.9. - 14.10.2006


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Bea Meyer

ROT / WEISS / HOCKEN / HEIM

Installationsansicht, Galerie b2_


Bea Meyer

ELLA

Installationsansicht, Galerie b2_


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